Der mehrdimensionale Mensch als Künstler und Kunstwerk

Wird Gesundheit als Fähigkeit verstanden (siehe vorheriger Artikel: Achtsamkeit und Gesundheit) kann Gesundheit als schöpferischer Akt, der mit künstlerischen Schaffen vergleichbar ist gesehen werden. Aus dieser Perspektive fällt Gesundheit in den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys (siehe Artikel: Kreativität und Achtsamkeit im Alltag).

In seinem 1964 veröffentlichten Werk ‚Der eindimensionale Mensch’ entwirft der deutsch-amerikanische Soziologe und Philosoph Herbert Marcuse ein Referenzwerk der 68er Generation, in dem er die Reduzierung des Menschen auf Arbeit und Konsum kritisch hinterfragt. Marcuses Gegenentwurf des mehrdimensionalen Menschen beinhaltet die Inklusion der menschlichen, vitalen Bedürfnisse nach Freude und Glück und die ästhetisch-erotische Dimension. Marcuse spricht sich dafür aus, die verschiedenen lebensrelevanten Dimensionen Arbeit und Spiel sowie Technik und Kunst sinnvoll zu vereinen.

Viktor Frankl geht bereits davon aus, dass der Mensch nur mehrdimensional betrachtet werden kann und Eindimensionalität eine Verzerrung des Menschen und des Menschenbildes zur Folge hat. Er verwirft die These vom Menschen als rein von Bedürfnissen und Trieben gesteuert und versteht den Menschen als weltoffenes Wesen, das auf der Suche nach Sinn in seinem Leben damit auf etwas über ihn hinausgehendes, transzendentes zu verweisen versucht.

Für Günther Ammon, einem Berliner Psychiater und Psychoanalytiker, bedeutet die Mehrdimensionalität des Menschen das Potential an konstruktiver Lebensentfaltung, das aus dem Einklang von Körper , Geist und Seele erwächst und einen wichtigen Beitrag zu einer menschenorientierten Gesellschaft leistet.

Im Bereich der Pädagogik ist das Verständnis vom Menschen als ganzheitliches Wesen z.B. bei A. S. Neill oder Carl R. Rogers zu finden und in der Praxis u.a. mit dem Etikett ‚Mehrdimensionales Lernen’ versehen.

Meine Prämisse ist, dass der Mensch im schöpferischen, kreativen Schaffen in verschiedenen Bereichen seines Lebens (z.B. Technik, Kultur, Soziales, Transzendentes, etc.), die je nach persönlichen Interessen unterschiedlich gelagert und gewichtet sind, seinen Sinn findet. Ein Aspekt von Gesundheit beinhaltet die Fähigkeit diese verschiedenen Bereiche im Leben zu entwickeln und zu integrieren und somit ein sinnhaftes Bild von sich zu gestalten. Dabei gehört zur Lebenskunst immer auch die Bereitschaft und die Fähigkeit sich selbst und die eigenen Lebensumstände wahrzunehmen, zu verarbeiten und den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten gemäß zu gestalten. Entspannung und Achtsamkeit sind dabei essenzielle Fertigkeiten. Die Anwendung dieser ‚Werkzeuge’ ist sehr hilfreich wenn es darum geht aus der alltäglichen Gefangenheit, dem Autopiloten des Alltags zurückzutreten und wie ein Maler, der von der Leinwand zurücktritt und sein Bild betrachtet, die Innenwelt und die Außenwelt in einer besonderen Qualität wahrzunehmen. In entspannt-achtsamer Innerlichkeit übe ich die Aspekte meines Lebens beurteilungsfrei zu betrachten und gemäß meiner ethischen Prämissen zu gestalten.

Insofern gilt es den Eigen-Sinn zu kultivieren, denn Lebenskünstler leben nicht nur besser, sondern auch länger. Friedlich sei dein Tag, voller Möglichkeiten sei dein Leben.

Achtsamkeit und Gesundheit

Seit den 1960er Jahren hat sich der an der westlichen Schulmedizin orientierte Gesundheitsbegriff vom krankheitszentrierten Blickwinkel zum salutogenesischen Aspekt verlagert, in dem weniger die Risikofaktoren sondern die Gesundheitsförderung im Sinne der Stärkung und Entwicklung von Gesundheitsressourcen im Mittelpunkt steht. Gesundheit wird in diesem Kontext zunehmend als Fähigkeit betrachtet. Nach Hurrelmann und Franzkowiak ist Gesundheit ein Gleichgewicht von Risikofaktoren und Schutzfaktoren. Dieses Gleichgewicht tritt ein, wenn der Mensch über die entsprechenden Ressourcen und Fähigkeiten verfügt, die inneren (körperlichen und psychischen) und die äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen (Stress) zu bewältigen. Das Ergebnis ist ein Stadium in dem der Mensch Wohlbefinden und Lebensfreude empfindet. Auf Basis dieser Definition, in der der Begriff Gesundheit mit dem der Fähigkeiten verbunden ist, beschäftigt sich Gesundheitsförderung mit Maßnahmen zur Schulung und Entwicklung dieser Fähigkeiten. Zudem wird Gesundheit in den gängigen Gesundheitsmodellen als dynamischer Prozess gesehen, der durch Interventionen (z.B. Verhaltensänderung) erhalten oder etabliert wird.

In der TCM (Traditionell Chinesische Medizin) ist dieser Gesundheitsbegriff unbekannt. Gesundheit ist hier das Resultat eines ausgewogenen und harmonischen Flusses von Qi (der Lebensenergie). Klimatische und emotionale Schwankungen sowie Ernährungsfehler und Überanstrengung stören den Fluss des Qi. Mittels konkreter Handlungen in der Ernährung, Meditation, regelmäßiger Bewegung, Spannungsregulation und Introspektion der Fluss des Qi harmonisiert. Methoden dafür sind Yoga, Qi Gong, Lu Jong, Meditation usw.

Auch in der europäischen Naturheilkunde werden die Gesundheitsressourcen mittels der Kräfte der Selbstregulation gestärkt. Zentrale Faktoren dabei sind ein förderlicher Tagesablauf, Ernährung, Bewegung, Entspannung und Psychohygiene.

Ernest Rossis Theorie der ‚ultradianen Rhythmen’ zufolge durchläuft jeder Mensch innerhalb eines Tages mehrere Aktivitäts- und Ruhephasen. Die Überforderung an Reizen und die Hektik der modernen Lebensweise lässt die Wahrnehmung der Aktivitäts- und Ruhephasen oft nicht zu. In Folge kommt es zu einer Abstumpfung der Binnenwahrnehmung und einem erhöhten Level an Hormonen, die eine Stressreaktion hervorrufen. Die Stresshormone bewirken, dass der Körper Signale wie Erschöpfung und Schmerzen betäubt und diese nicht wahrgenommen werden. Dabei braucht der Körper, um das Aktivitätslevel halten zu können, immer mehr Hormone sowie Nährstoffe, die aus den Körperreserven entnommen werden. Kann der Körper diese nicht mehr bereitstellen, kommt es zum endgültigen Zusammenbruch. Länger anhaltende Strapazierung manifestiert sich in Symptomen des chronischen Stresssyndroms wie z.B.: Beschleunigung des gesamten Verhaltens (Bewegungen, Sprache, etc.), Hyperaktivität, manisches Verhalten, Hast, unter Druck stehen, Reizbarkeit, Ungeduld, Zornesausbrüche, egozentrisches und narzistisches Verhalten, Blindheit für das eigene Verhalten, sozialer Rückzug. Werden diese Signale über Wochen oder Monate übergangen können Funktionsstörungen wie die Beeinträchtigung der Sinneswahrnehmung, Gedächtnisstörungen, ein Absinken der Reaktionsgeschwindigkeit, ein sinkendes Selbstwertgefühl und Depressionen entstehen. Folgen auf psychosomatischer Ebene können u.a. Magengeschwüre, Kopf-, Rücken-, und Muskelschmerzen, Herzkrankheiten, Atemwegskrankheiten, Schlafstörungen, Magen-Darm-Krankheiten und Immunschwäche sein.

Als Gegenmaßnahmen werden Phasen der Ruhe und Erholung empfohlen, in denen kein bestimmtes Ziel erreicht werden soll und tiefe Atmung geschehen kann, in denen nur beobachtet wird, was geschieht um auf diese Weise eine Beziehung zur eigenen Innerlichkeit zu kultivieren.

Achtsamkeit und Meditation

Die Welt erscheint uns unscharf, das Gehirn konstruiert aus den Phänomenen eine scheinbar feste Realität. In der meditativen Versenkung schwingt das Gehirn über längere Zeit so hochfrequent, wie es das sonst nur in kurzen Momenten macht. Ein Effekt davon ist, dass die Phänomene die wir wahrnehmen nicht durch den Geist bewertet werden. Meditation öffnet das Bewusstsein für die Innen- und Außenwelt, die vorhandenen Schubladen und Filter werden aufgelöst und man bekommt einen direkteren Zugang zu dem was ist. Es entsteht auch das Gefühl mehr bei sich, aber auch mehr bei seinen Mitmenschen und seiner Mitwelt zu sein.

Es gibt verschiedene Formen der Meditation: Vipassana, Samadhi und Mettameditation. In der allen Meditationsformen zugrunde liegenden Achtsamkeit, nähern wir uns, wie in der Meditation auch, Schritt für Schritt dem Erwachen aus unserem alltäglichen Dämmerzustand und betrachten uns und die Welt die vorhandenen Phänomene wie sie sind. Der Geist öffnet sich so für neue Erkenntnisse und Einsichten. Achtsamkeit ist die wichtigste Grundlage aller Meditationsformen.

Im Samadhi öffnet sich der Geist, leert sich und kommt zur Ruhe. Zur Hilfestellung kann man sich dabei auf einen Gegenstand z.B. einen Buddha oder auch den Atem konzentrieren. Samadhi wird daher auch ‚einspitzige Konzentration’ genannt. Samadhi bedeutet jedoch nicht das ruhige Verweilen im Gefühl des Glücks das sich einstellen kann. Es bedeutet vielmehr aus diesem Geisteszustand heraus die Geistformationen (skandhas) unserer sechs Sinne zu kontemplieren. Die Betrachtung der Skandhas kann auch im vertieft künstlerisch-kontemplativen Zustand erfolgen. Künstlerisches tun selbst ist zumeist ein Vorgang der Versenkung, der einspitzigen Konzentration.

Vipassana bedeutet so viel wie ‚die Dinge so sehen, wie sie sind’ und wird meist als Einsichtsmeditation bezeichnet. Vipassana findet seine Anwendung in einer Kombination aus ruhigem Verweilen und analytischer Konzentration. Dabei wandelt sich das analytisch-konzeptuelle Verständnis in eine nicht-konzeptuelle Erfahrung. Oder mit den Worten von Buddha Shakyamuni:

„So wie Feuer entsteht, wenn man zwei Hölzer aneinander reibt, entsteht analytische Weisheit aus einem konzeptuellen Zustand. Und so wie das Feuer größer wird und das gesamte Holz verbrennt, so vergrößert sich analytische Weisheit und verbrennt alle Konzepte.“

Wer schließlich seinen Geist von bestehenden und vorgefertigten Konzepten befreit hat kann in freier Kreativität schaffen.

Metta ist die wichtigste Meditationsform des Mahayana. Ziel dabei ist das Entfalten von bedingungsloser, allumfassender Güte. In Metta üben wir die freundlich wohlwollende Haltung allen Wesen, eingeschlossen uns selbst, gegenüber.

Mögen alle Wesen gesund, glücklich und zufrieden sein.

In mehreren Studien wurde die positive Wirkung, auch kurzer Mettameditation, auf die Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung anderer Menschen in sozialen Situationen und eine qualitativ hochwertigere Gestaltung der interpersonellen Beziehungen nachgewiesen. Ebenso messbar ist ein positiver Effekt auf die allgemeine gesundheitliche Konstitution der Meditierenden, der in allen Bereichen der Anwendung von Achtsamkeitsübungen und Meditation nachweisbar ist.

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Achtsamkeit und Gesundheit

Das Achtsame Gehirn

Atemachtsamkeit

Die Kunst der Entschleunigung

Das Leben im Autopiloten

Achtsamkeit für den Tag

Wenn du dir die Schuhbänder bindest, binde dir die Schuhbänder…

und wenn du es eilig hast, gehe langsam.

Kreativität und Achtsamkeit im Alltag

Kulturtheoretisch gibt es die Möglichkeit den Kreativitätsbegriff enger oder weiter zu definieren. Joseph Beuys prägte den erweiterten Kunstbegriff in der bildenden Kunst. Ihm   zufolge ist jeder Mensch, der etwas erschafft, kreativ und ein Künstler. Der erweiterte Kunstbegriff durchbricht damit die Barrieren des elitären Kunstbegriffs, demokratisiert ihn und entwickelt das Konzept des Gesamtkunstwerks der Avantgarden des 20. Jhs., besonders der aktionistischen Genres, weiter. Beuys diesbezüglicher Slogan lautet: Jeder Mensch ein Künstler. Aus dieser Perspektive sind nicht nur Tätigkeiten im künstlerischen Bereich sondern auch das Pflügen eines Ackers oder das Pflanzen eines Baumes kreative Tätigkeiten. Dies gilt auch für die innere Arbeit der Persönlichkeitsbildung, die bei tiefgreifenden künstlerischen Arbeiten immer auch vorhanden ist. Dabei ist es wichtig den Prozess der eigenen Persönlichkeitsbildung achtsam zu Beobachten, denn so wie ein wilder Stier mit seiner ungebändigten Kraft Unheil anrichten kann ist dies auch auf geistig-seelischer Ebene möglich. Achtsamkeit dient uns hier, neben dem unsere Kreativität befreienden Effekt, auch als Werkzeug der Lenkung und Stabilisierung der Kraft unseres Geistes.

In der asiatischen Region haben sich unterschiedliche künstlerisch-kreative Richtungen (z.B. das Gestalten von Mandalas, das Butterschnitzen, das meditative Ikebana [Kadō], die Japanischen Gärten) entwickelt, die neben dem jeweiligen spirituellen Background Inhalte haben, die auch vom westlichen Menschen in säkularisierter Form geübt werden können. Themen dabei sind die meditative Versenkung beim Tun, die Öffnung des Geistes für den Moment, das Loslassen vorhandener Ideen und Vorstellungen, der meditative Flow. Diese Qualitäten können, bei entsprechender innerer Haltung und Vorbereitung, in jeder Form kreativer Arbeit oder künstlerischen Schaffens gelebt werden.

Achtsamkeit und Kreativität

Als Creative-Worker ist man oft in der Situation, dass zu kurze Deadlines, betrieblich-organisatorische Fragen, private Gedanken, unser Autopiloten-Modus etc. Körper und Geist in negativen Stress versetzen und damit das Finden kreativer Ideen und Lösungen behindern. Basis für diesen Mechanismus ist die Struktur des menschlichen Gehirns. Generell kann das menschliche Gehirn in drei große Bereiche eingeteilt werden.

Im Neocortex, dem evolutionär betrachtet jüngste Bereich, finden Funktionen wie das Entwickeln kreativer Lösungen, Visionen, Hypothesen und Strategien statt. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn auch die beiden anderen Gehirnbereiche ihren Teil dazu beitragen.

Unter dem Neocortex liegt das Limbische System. Dieses ist hauptsächlich für die Funktionen Emotionen, Motivation und Erinnerungen zuständig. Wenn wir emotional aus unserer Mitte oder gestresst sind fokussiert das Limbische System darauf und versucht den Zustand der Balance (Homöostase) wiederherzustellen. Wichtige für den kreativen Prozess benötigte Ressourcen werden dabei blockiert.

Der älteste Teil des menschlichen Gehirns ist das sogenannte Reptiliengehirn. Dieser Bereich ist vorwiegend mit unserem Überleben beschäftigt und wird besonders durch das Hormon Adrenalin aktiviert. Dieser Teil unseres Gehirns arbeitet sehr energieökonomisch und möchte sich nur mit Dingen beschäftigen, die unser Überleben gefährden. Da das Reptiliengehirn evolutionsgeschichtlich für das Überleben sehr wichtig war ist es darauf spezialisiert auf bereits kleinen Trigger, die in der modernen Lebensweise individuell oft sehr unterschiedlich sind, mit dem ihm eigenen fight or flight Modus, also mit Flucht oder Verteidigung, zu reagieren. Diese Reaktionsmodi sind oftmals inadäquat, jedoch werden bei deren Aktivierung Körper und Geist gestresst. Alles was für das Überleben nicht notwendig ist wird in diesem Modus blockiert und findet keinen Weg in den Neocortex. Negativer Stress, im privaten Leben und am Arbeitsplatz, behindert das Finden kreativer Ideen und Lösungen.

Gezielt eingesetzte Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen sowie Achtsamkeitsmeditation wirkt, ergänzt durch weitere Strategien, negativen Stress auf allen Ebenen entgegen und unterstützt somit kreative Prozesse. Einige Effekte die dabei erzielt werden sind eine Verminderung der Reaktanz des Reptiliengehirns, die Förderung der Entwicklung von Resilienz und Emotionaler Intelligenz sowie die Stimulation des Neocortex. Durchgeführte Studien bestätigen in ihren Ergebnissen, dass regelmäßig Achtsamkeit und Meditation Übende nicht nur entspannter sind, sondern auch mehr und innovativere Lösungen bei Kreativitätstests finden.