Kreativität und Achtsamkeit im Alltag

Kulturtheoretisch gibt es die Möglichkeit den Kreativitätsbegriff enger oder weiter zu definieren. Joseph Beuys prägte den erweiterten Kunstbegriff in der bildenden Kunst. Ihm   zufolge ist jeder Mensch, der etwas erschafft, kreativ und ein Künstler. Der erweiterte Kunstbegriff durchbricht damit die Barrieren des elitären Kunstbegriffs, demokratisiert ihn und entwickelt das Konzept des Gesamtkunstwerks der Avantgarden des 20. Jhs., besonders der aktionistischen Genres, weiter. Beuys diesbezüglicher Slogan lautet: Jeder Mensch ein Künstler. Aus dieser Perspektive sind nicht nur Tätigkeiten im künstlerischen Bereich sondern auch das Pflügen eines Ackers oder das Pflanzen eines Baumes kreative Tätigkeiten. Dies gilt auch für die innere Arbeit der Persönlichkeitsbildung, die bei tiefgreifenden künstlerischen Arbeiten immer auch vorhanden ist. Dabei ist es wichtig den Prozess der eigenen Persönlichkeitsbildung achtsam zu Beobachten, denn so wie ein wilder Stier mit seiner ungebändigten Kraft Unheil anrichten kann ist dies auch auf geistig-seelischer Ebene möglich. Achtsamkeit dient uns hier, neben dem unsere Kreativität befreienden Effekt, auch als Werkzeug der Lenkung und Stabilisierung der Kraft unseres Geistes.

In der asiatischen Region haben sich unterschiedliche künstlerisch-kreative Richtungen (z.B. das Gestalten von Mandalas, das Butterschnitzen, das meditative Ikebana [Kadō], die Japanischen Gärten) entwickelt, die neben dem jeweiligen spirituellen Background Inhalte haben, die auch vom westlichen Menschen in säkularisierter Form geübt werden können. Themen dabei sind die meditative Versenkung beim Tun, die Öffnung des Geistes für den Moment, das Loslassen vorhandener Ideen und Vorstellungen, der meditative Flow. Diese Qualitäten können, bei entsprechender innerer Haltung und Vorbereitung, in jeder Form kreativer Arbeit oder künstlerischen Schaffens gelebt werden.

Achtsamkeit und Kreativität

Als Creative-Worker ist man oft in der Situation, dass zu kurze Deadlines, betrieblich-organisatorische Fragen, private Gedanken, unser Autopiloten-Modus etc. Körper und Geist in negativen Stress versetzen und damit das Finden kreativer Ideen und Lösungen behindern. Basis für diesen Mechanismus ist die Struktur des menschlichen Gehirns. Generell kann das menschliche Gehirn in drei große Bereiche eingeteilt werden.

Im Neocortex, dem evolutionär betrachtet jüngste Bereich, finden Funktionen wie das Entwickeln kreativer Lösungen, Visionen, Hypothesen und Strategien statt. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn auch die beiden anderen Gehirnbereiche ihren Teil dazu beitragen.

Unter dem Neocortex liegt das Limbische System. Dieses ist hauptsächlich für die Funktionen Emotionen, Motivation und Erinnerungen zuständig. Wenn wir emotional aus unserer Mitte oder gestresst sind fokussiert das Limbische System darauf und versucht den Zustand der Balance (Homöostase) wiederherzustellen. Wichtige für den kreativen Prozess benötigte Ressourcen werden dabei blockiert.

Der älteste Teil des menschlichen Gehirns ist das sogenannte Reptiliengehirn. Dieser Bereich ist vorwiegend mit unserem Überleben beschäftigt und wird besonders durch das Hormon Adrenalin aktiviert. Dieser Teil unseres Gehirns arbeitet sehr energieökonomisch und möchte sich nur mit Dingen beschäftigen, die unser Überleben gefährden. Da das Reptiliengehirn evolutionsgeschichtlich für das Überleben sehr wichtig war ist es darauf spezialisiert auf bereits kleinen Trigger, die in der modernen Lebensweise individuell oft sehr unterschiedlich sind, mit dem ihm eigenen fight or flight Modus, also mit Flucht oder Verteidigung, zu reagieren. Diese Reaktionsmodi sind oftmals inadäquat, jedoch werden bei deren Aktivierung Körper und Geist gestresst. Alles was für das Überleben nicht notwendig ist wird in diesem Modus blockiert und findet keinen Weg in den Neocortex. Negativer Stress, im privaten Leben und am Arbeitsplatz, behindert das Finden kreativer Ideen und Lösungen.

Gezielt eingesetzte Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen sowie Achtsamkeitsmeditation wirkt, ergänzt durch weitere Strategien, negativen Stress auf allen Ebenen entgegen und unterstützt somit kreative Prozesse. Einige Effekte die dabei erzielt werden sind eine Verminderung der Reaktanz des Reptiliengehirns, die Förderung der Entwicklung von Resilienz und Emotionaler Intelligenz sowie die Stimulation des Neocortex. Durchgeführte Studien bestätigen in ihren Ergebnissen, dass regelmäßig Achtsamkeit und Meditation Übende nicht nur entspannter sind, sondern auch mehr und innovativere Lösungen bei Kreativitätstests finden.

Achtsamkeit und Wissensklarheit

Für den Begriff ‚Wissensklarheit‘ finden sich in den buddhistischen Lehrreden verschiedene bildliche Beispiele zur Verdeutlichung. Übergreifend kann Wissensklarheit als die Fähigkeit, vollständig zu begreifen oder zu verstehen was gerade geschieht, beschrieben werden. Unter heilsamen ethischen Voraussetzungen zielt Wissensklarheit auf Weisheit ab. Wenn Achtsamkeit als Vergegenwärtigen bezeichnet wird, so ist bedeutet Wissensklarheit das Erkennen unheilsamer und heilsamer Gefühle, Gedanken, Handlungen, etc. Insofern stellt Wissensklarheit eine wichtige Voraussetzung für ethisches, also heilsames, Handeln dar.Wissensklar zu handeln bedeutet mit seiner Aufmerksamkeit bei der Handlung zu sein und zu wissen dass und wie man im gegenwärtigen Moment handelt.

Wissensklar im Handeln zu sein bezieht sich auf den Bereich der Meditation und auf den Alltag. In der Dimension des Alltäglichen bedeutet Wissensklarheit in jedem Moment präsent zu sein für das was in der Umwelt und was in einem selbst vor sich geht. Hier bedeutet Achtsamkeit und Wissensklarheit z.B. seine Gedanken im Alltag zu betrachten, sich in jedem Moment seiner Gedanken und ihrer heilsamen und unheilsamen Dimension bewusst zu sein und wohlwollend, ohne sie zu verdrängen, unheilsame gegen heilsame Gedanken auszutauschen.

Auf neuronaler Ebene bewirkt das tägliche Üben eine Neuverschaltung der neuronalen Vernetzungen und Bahnungen unter der Prämisse der Neuroplastizität.

 

Verschiedene Ebenen

Aus praktischen Gründen ist es vorteilhaft wenn man sich, bevor man mit Achtsamkeitsübungen beginnt, Klarheit darüber verschafft, aus welchem Bedürfnis heraus man Achtsamkeit üben möchte. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Möchte man sich, um die Anforderungen des täglichen Lebens im Sinne eines Work-Life Ausgleichs mittels der Übung von Achtsamkeit mehr Entspannung gönnen, so wird man in erster Linie ein auf Achtsamkeit basiertes Entspannungstraining praktizieren. Auf Achtsamkeit basierte Entspannung hat positive Einflüsse auf den Energieausgleich des Körpers und der Psyche, hilft das Leben zu entschleunigen, sowie positive Energie für sich und seine Mitmenschen zu sammeln.

Beim speziellen Achtsamkeitstraining wird diesem, wie auch beim Entspannen, am besten täglich (aber ohne Zwang des Müssens) eine bestimmte Zeit einberaumt. In dieser dafür reservierten Zeit wird mittels verschiedener Techniken und Verfahren Achtsamkeit geübt.

Das in den Alltag integrierten Achtsamkeitstraining basiert auf der Erfahrung und der Übung von spezieller Achtsamkeit, jedoch wird versucht in den ausgeführten Alltagshandlungen Achtsamkeit zu üben, wodurch diese weiter verankert und die den eigenen Handlungen zugrundeliegenden Motive und Muster quasi ‚vor Ort’ und ohne dazwischenliegende Interpretationen durch den eigenen Geist betrachtet werden können.

Achtsamkeitsbezogene Meditationsübungen können in speziell dafür reservierten Zeiten, aber auch in den Alltag integriert stattfinden. Das hängt in erster Linie davon ab, wie eng oder weit man Meditation definiert. Möchte man tiefer in die spirituelle Dimension eintauchen so ist Achtsamkeit das zentrale Werkzeug auf dieser Reise zu sich.

Jeder der einzelnen Bereiche angewandter Achtsamkeit hat positive Effekte, die sich zum Teil überschneiden. Wer sich nicht gerne a priori festlegt fängt erst mal mit dem Üben von Achtsamkeit an und sieht, wie sich das Interesse im Verlauf der Praxis verlagert.

Viele Formen von Achtsamkeiten

In den buddhistischen Texten werden verschiedene Formen von Achtsamkeit unterschieden und beschrieben.

Die erste Unterscheidung ist die des alltäglichen und des heiligen oder mittleren Weges der zur Befreiung vom Leiden führt. Der alltägliche Weg beinhaltet in den Alltag integrierbare Formen der Übungen und der ethischen Lebensführung. Der sogenannte heilige Weg ist eher für Mönche und Nonnen gedacht, beinhaltet die Formen und Regeln des alltäglichen Weges und weitere darüber hinaus.

Die zweite Unterscheidung betrifft die Geistformationen Körper, Gefühle, Bewusstsein und Dhamma. Der Begriff Dhamma bezeichnet die Gesamtheit der buddhistischen Psychologie und Philosophie. Mittels Achtsamkeit und Achtsamkeitsübungen bzw. Achtsamkeitsmeditationen werden die verschiedenen Geistformationsgruppen in gesammelter Kontemplation analysiert, wobei ein Durchlauf laut einer Aussage Buddha Shakyamunis sieben Jahre dauert. Die Achtsamkeitsübungen und Meditationen haben je nach Thema entsprechende „Ziele“ oder besser ausgedrückt mögliche Effekte.

Die dritte Unterscheidung betrifft die Richtung von Achtsamkeit. Diese geht nach innen, nach außen oder nach innen und außen. Nach innen heißt, man meditiert oder kontempliert eine Frage oder ein Thema an sich selbst. Nach außen bedeutet man meditiert oder kontempliert eine Frage oder ein Thema bei anderen Menschen. Nach innen und außen bedeutet, no na, man meditiert oder kontempliert die Frage oder das Thema an sich selbst und bei anderen Menschen.

Was bewirkt das Üben von Achtsamkeit?

Das menschliche Gehirn besteht aus ca. 100 Milliarden Neuronen (Nervenzellen). Nur zirka vier Millionen davon gehen aus dem Gehirn hinaus bzw. hinein und verbinden das Gehirn mit der Außenwelt. Aufgrund dieses Verhältnisses ist das menschliche Gehirn großteils selbstreferent, das heißt, dass es sich die meiste Zeit mich sich selbst beschäftigt. Daneben verfügt das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter über eine nicht immer gleichbleibende Neuroplastizität, was bedeutet, dass sich Strukturen im Gehirn je nach Bedarf verändern und es, entgegen der heute veralteten Annahme dass es das nicht kann, über die gesamte menschliche Lebensspanne Neuronen auf- und auch abbaut. Daneben werden bestehende Verbindungen bei oftmaliger Benutzung ausgebaut und verstärkt. Ähnlich wie sich ein Weg, der oft benutzt wird immer weiter verbreitert.

Unsere Denk- und Verhaltensmuster sind in unserem Gehirn ‚gespeichert’. Im Alltag nehmen wir bestehende Denk- und Verhaltensmuster meist nicht wahr, sie sind unsere automatischen Hintergrundprogramme. Je öfter ein Hintergrundprogramm eingesetzt wird, z.B. ‚ärgerlich werden’ in einer bestimmten Situation und eventuell die nach außen gerichtete Reaktion darauf eintritt, umso wahrscheinlicher ist es, dass dieses Verhalten wieder auftritt. Man spricht hier von einer Verhaltensdisposition.

Eine Achtsamkeitsübung ist es, sich seiner Gedanken oder Gefühle in einer bestimmten Situationen bewusst zu werden, sie wohlwollend zu betrachten, ohne sie im Moment der Bewertung zu beurteilen oder sich selbst dadurch zu be- oder zu verurteilen. Durch die analytische Kontemplation (Betrachtung) der Zusammenhänge über das Entstehen und die Auswirkungen der Gefühle, der Gedanken, Bewertungen etc. können wir uns von diesen innerlich distanzieren und neue, alternative Bewertungen, Gedanken, Gefühle dazu in unserer Vorstellung durchspielen. Da es dem Gehirn Wurst ist ob wir etwas real erleben oder nur in der Vorstellung wirkt diese Imagination für Gehirn gleich wie das reale Erleben dieser Situation. Der Effekt ist, dass sich das Gehirn, aufgrund seiner grandiosen Plastizität neu vernetzt, wir selbst dadurch aktiv unsere Verhaltensdispositionen beeinflussen und uns damit neu kreieren.

Was ist Achtsamkeit?

Der Begriff Achtsamkeit wird in der buddhistischen und in der westlichen Psychologie  weitgehend ähnlich verwendet, wobei er in der westlichen Form säkularisiert ist. Das Pali-Wort für Achtsamkeit ist satipassana was mit ‚beobachten oder richtig sehen‘, ‚einer speziellen Art von Aufmerksamkeit und der kognitiven Evaluation‘, ‚zusammen mit Aufmerksamkeit‘, etc. übersetzt werden kann. Der Begriff satipassana beinhaltet auch den prozesshaften Charakter der Einsichten während des achtsamen Betrachtens eines Daseinsobjekts auf verschiedene Weise und aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Warum Achtsamkeit?

In mehreren Studien wurde die positive Wirkung, auch kurzer Mettameditation, auf die Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung anderer Menschen in sozialen Situationen und eine qualitativ hochwertigere Gestaltung der interpersonellen Beziehungen nachgewiesen. Ebenso messbar ist ein positiver Effekt auf die allgemeine gesundheitliche Konstitution der Meditierenden, der in allen Bereichen der Anwendung von Achtsamkeitsübungen und Meditation nachweisbar ist.