Achtsamkeit, Kreativität und Bildarbeit

Wie gegensätzlich doch die Welt ist in der wir leben… ein vielfältiger Ort für unterschiedlichste Erfahrungen in dem sich das Bewusstsein in unterschiedlichster Weise selbst erfährt… Überfluss und Entbehrungen, Glück und Leid, Oberflächlichkeit und Tiefgründigkeit… aber was ist der Sinn des Lebens? Vielleicht ist das Leben wirklich ohne Sinn und wir geben dem Leben unseren individuellen und kollektiven Sinn, denn als Individuen sind wir nie vom Kollektiv unserer Mitmenschen und unserer Mitwelt getrennt.

Was ist ein Baum, der im Wald steht? Wir nehmen ihn wahr, als Bild, als Geruch, als Gefühl auf der Haut, als Geräusche, als Geschmack. Aber was ist er darüber hinaus? Was macht unser Geist aus dem Baum? Für einen Tischler mag ein Baum die Grundlage eines Möbels sein, für einen Biologen eine Art, die bestimmte Funktionen im Ökosystem erfüllt, für einen Ökologen ist ein Baum ein Teil eines Netzwerkes aus Pflanzen und Tieren. Der Baum ist immer der Selbe, aber nie der Gleiche, denn unser Geist macht ihn zu dem, was er für uns ist und das sind unzählige kreative Möglichkeiten. Der menschliche Geist macht für sich aus dem Baum etwas anderes als er in seiner Natur ist.

Was hat das jetzt mit Achtsamkeit zu tun? Stell dir vor, du siehst den Baum mit den Augen eines Tischlers oder Ökologen, oder Borkenkäfers 😉 Wenn du dir schließlich deines Konzepts über den Baum gewahr wirst, und es schaffst den Baum in dem Moment nicht mehr als das wahrzunehmen was dein Geist aus ihm macht, sondern ihn rein als das wahrzunehmen was seine Natur ist, dann ist das ein Stück Achtsamkeit. Du bist dann nicht mehr gefordert den Baum z.B. in ein Stück Möbel zu verwandeln sondern siehst ihn hier und jetzt in seiner Natur. Das Selbe gilt für unser gesamtes Leben. Einer meiner Lehrer wurde in einer Yogastunde von einer Schülerin gefragt, ob es möglich ist, die Wanduhr abzunehmen, da sie durch ihr lautes Ticken gestört würde. Die Antwort des Lehrers war, sie solle die Uhr nicht beim ticken stören. Die Fähigkeit der Perspektivenübernahme ist ein Teil der menschlichen Kreativität. Sie ermöglicht es uns Situationen verschieden zu betrachten und nicht in ihnen gefangen zu sein. Das funktioniert auch an der Supermarktkassa (siehe die Supermarktmediation), mit nervigen Mitmenschen usw. Wenn uns etwas stört könne wir uns verschiedene Fragen stellen: 1. Was ist meine körperliche und geistige Reaktion auf die empfundene Störung? 2. Warum stört mich das überhaupt? Welches Konzept, welche Bedürfnisse, welche Wünsche und Ziele welche Erfahrungen und Einstellungen bedingen meine Reaktion auf die Situation? 3. Wo fühle ich mich bedroht? 4. Wie kann ich mich aus der Einschränkung des Gefühls durch die Situation gestört zu sein befreien und meine dadurch blockierte Energie freisetzen? Dieser Prozess ist ein tief kreativer. Kreativität wurde lange Zeit von akademischen Künstlern für sich beansprucht. Kreativität hatte, mit einigen Ausnahmen, verschiedenen Regeln zu folgen und war eben Künstlern vorbehalten. Im Zuge der Demokratisierung der Kunst im 19. und 20. Jh. löste sich dieses Regelwerk langsam auf, erweiterte sich bis an den Punkt an dem Joseph Beuys verkündete, dass jeder Mensch kreativ sei (siehe Kreativität und Achtsamkeit im Alltag), sofern er etwas transformiert.

Kreatives tun findet also nicht nur auf dem Papier oder der Leinwand statt, sondern, wie es Michelangelo Buonarotti und andere Renaissancekünstler auch schon formuliert haben, im Kopf, im Geist. Darum gibt es heute auch Kunst in der keine Produkte, sondern Konzepte oder Prozesse hervorgebracht werden. Kreativität beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Feld, Thema oder Medium, sondern kann immer und überall stattfinden. Die Arbeit am Bild findet also nicht nur im Außen mit Farben und Formen statt, es ist immer auch ein innerer Prozess. Zugleich kann das Medium Bild uns dabei helfen, tiefere, für uns noch nicht sprachlich fassbare Gefühle, Glaubenssätze, Erwartungen auf vorbewusster Ebene zu bearbeiten. Bildelemente, die während Entspannungs- oder Achtsamkeitssequenzen als Ideen oder Bilder vor unserem inneren Auge auftauchen können unmittelbar, ohne den Bedarf der verbalen Sprache aufs Papier oder die Leinwand gebracht und, sofern sie nicht den persönlichen Bedürfnissen entsprechen, verändert werden. Diese bildlichen Symbole, die eine mentale oder seelische Barriere symbolisieren können, können im Bild positiv umformuliert werden, wirken so auf uns zurück und helfen uns dabei zu wachsen und uns weiter zu entwickeln. Warum kann das so sein? Nun, unser sprachliches Vermögen ist dadurch, wie wir sprachliche Begriffe bilden begrenzt. Um sprachliche Begriffe zu bilden werden bestimmte typische Kennzeichen oder Eigenschaften der Repräsentation eines äußeren oder inneren Objekts unserer Wahrnehmung hervorgehoben und zur Bezeichnung des Objekts herangezogen. Durch soziale Konvention funktioniert der Gebrauch von Begriffen im Allgemeinen recht gut. Sprachliche Begriffe sind in der alltäglichen Kommunikation recht praktisch, können aber hier schon aufgrund divergierender Begriffsdefinition Probleme in der Kommunikation erzeugen. So kann es durchaus sein, das zwei Menschen unter dem Begriff ,Liebe’ nicht die gleichen Inhalte haben, was zu unterschiedlichen Erwartungen, Wünschen Verhaltensweise führt. Unserer alltäglich verwendeten Begriffe und Konzepte sind meist nicht analytisch durchdacht und entziehe sich daher unserer bewussten Wahrnehmung, befinden sich also im vorbewussten Bereich. Die Arbeit am Bild setzt daher auf der vorbegrifflichen, vorbewussten Ebene an und hilft hier direkt auf mentale Muster zuzugreifen und diese zu verändern, da diese meist ohne die Bildung sprachlicher Begriffe zum Wirken kommen. Kurz gesagt, sprechen Bilder unseren intuitiven und vorbewussten Bereich an und können, ohne den die Intuition reduzierenden Umweg der verbalen Sprache, direkt in den intuitiven und vorbewussten Bereich zurückwirken.

Mögen alle Wesen frei und glücklich sein.

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