Achtsame Führung .01 Die Affenbrücke

Die Welt ist wiederum, wie schon so oft in ihrer langen Geschichte, im Wandel. Gegenwärtig verändern sich die geopolitischen Machtverhältnisse, neue und alte Global Player, China, Indien, Afrika, Russland, die USA, streben nach Macht und Einfluss. Als Mittel im Machtpoker werden Bündnisse geschmiedet, Feinde kreiert und wirtschaftliche wie physische Kriege geführt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Menschheit scheint nach wie vor die gewaltvolle Durchsetzung von Eigeninteressen mit Stärke zu verwechseln. Trump, Putin, Assad, Xi Jinping und wie die Anführer alle heißen, die meisten Politiker und Manager, haben leider nicht verstanden dass Raub, Unterdrückung, Ermordung und Gewalt von und an anders Denkenden ein Ausdruck der eigenen Ohnmacht und inneren Schwäche diesen Menschen und sich selbst gegenüber ist. Denn warum sollte ein achtsam lebender Mensch, der sich seiner Sache ernsthaft innerlich bewusst und sicher ist, Menschen, die anderer Meinung sind als Bedrohung wahrnehmen? Wer sich selbst kennt und achtsam wahr nimmt, sein Gegenüber achtsam wahr nimmt und über die entsprechende Geistesschulung, und über innere Stärke verfügt, lebt die Stärke der liebenden Güte. Wie die Natur eines Anführers sein sollte erzählt folgende, von Noor Inayat Khan, einer bemerkenswerten und überaus mutigen Frau, im Buch ,Zwanzig Jatakas Geschichten‘ nacherzählte Geschichte aus den früheren Leben Buddhas.

Es war einmal ein riesiger Affe, der in den Bergen des Himalaya über achtzigtausend Affen regierte. Zwischen den Felsen, in denen sie lebten, floss der heilige Ganges hervor, bevor er das Tal erreichte, wo die großen Städte waren. Und da, wo das gurgelnde Wasser zwischen den Felsen floss, stand ein wundersamer Baum. Im Frühling brachte er zartweiße Blüten hervor, und später im Jahr war er mit unvergleichlich wunderbaren Früchten beladen, und die sanften Bergwinde verliehen ihnen die Süße von Honig.

Wie glücklich waren die Affen! Sie aßen die Früchte und lebten im Schatten dieses wunderbaren Baumes…

Einige der Äste des Baumes hängten über den Fluss und die Affen entfernten sofort alle Blüten oder kleinen Früchte von dort, denn er Affenkönig hatte seine Untertanen gewarnt. Sollte eines Tages eine reife Frucht in den Fluss fallen und so in die Stadt gelangen, würden die dort lebenden Menschen sich fragen, wo der Baum stünde der solch wunderbaren Früchte trägt. Sie würden ihn suchen und die Früchte rauben, die Affen müssten fliehen.

So geschah es eines Tages, dass eine übersehene Frucht vom Baum in den Fluss fiel und dem König der Stadt, Brahmadatta, zugetragen wurde, der sie aß. Seine Sehnsucht nach der Frucht wuchs und schließlich machte er sich mit deinem Gefolge auf den Weg den Baum, der diese wundervollen Früchte hervorbringt zu finden, was auch gelang.

…Doch was bewegte sich da auf den Ästen? Welch seltsame kleine Schatten huschten da zwischen den Blättern? „Schaut,“ sagte einer der Männer, „es ist eine Bande Affen.“ „Affen!“ schrie der König; „und sie fressen die Früchte! Umkreist den Baum, so dass sie nicht entfliehen können. Beim Morgengrauen werden wir sie töten und ihr Fleisch und die Mangos essen.“

Diese Worte kamen den Affen zu Ohren und sie sagten zitternde zu ihrem Anführer: „Wir Armseligen! Du hast uns gewarnt, es ist wohl trotzdem eine Frucht in den Fluss gefallen und die Menschen sind nun hierher gekommen; sie haben unseren Baum eingekreist und wir können nicht flüchten, weil der nächste Baum zu weit weg ist; wir können nicht bis dorthin springen. Wir haben die Worte von einem dieser Männer mitgehört, der sagte: „Beim Morgengrauen werden wir sie einfangen und werden ihr Fleisch und die Mangos essen.“…

Der Affenkönig versprach seinen Untertanen sie zu befreien, sprang mit einem mächtigen Satz vom höchsten Ast aus zu einem nahe gelegenen Baum, riss einen Bambus ab, band diesen an den Baum und an seinen Fuß um schließlich eine Brücke damit zu bauen und sprang zum Mangobaum zurück. Doch der Bambus war zu kurz und der Affenkönig konnte mit Müh und Not einen Astzipfel greifen und sich daran festklammern. Daraufhin befahl er seinen Untertanen über seinen Körper und den Bambus in die Freiheit zu laufen. Ein besonders bösartiger Untertan jedoch sprang ihm so fest auf den Rücken, dass dieser brach und lief anschließend einfach davon.

…Brahmadatta hatte all dies beobachtet und Tränen strömten aus seinen Augen, als er den verletzten Anführer der Affen betrachtete. Er befahl, dass dieser vom Baum, an dem er sich noch immer klammerte, heruntergenommen, ihm ein Bad voller Wohlgerüche bereitet, er in ein goldgelbes Kleid gehüllt und ihm süsses Wasser gereicht werden solle.

Und als dann der Anführer der Affen gewaschen, gekleidet und unter dem Baum gelagert worden war, setzte sich der König neben ihn und sprach: „Du hast deinen eigenen Körper zu einer Brücke gemacht, so dass die anderen in die Freiheit gelangen konnten. Wusstest du nicht, dass du sterben würdest dabei? Du hast dein Leben hingegeben für deine Untertanen. Wer bist du, Gesegneter, und wer sind sie?“

„O König,“ antwortete der Affe, „ich bin ihr Anführer und ich leite sie. Sie haben mit mir auf diesem Baum gelebt, und ich war ihnen Vater und liebte sie. Es tut mir nicht leid, dass ich diese Welt nun verlassen muss, weil ich meinen Untertanen zur Freiheit verholfen habe. Und wenn mein Tod Euch eine Lehre sein kann, bin ich umso glücklicher. Es ist nicht Euer Schwert, das Euch zum König macht; nur die Liebe bewirkt dies.

Vergesst nicht, dass es nur wenig ist, Euer Leben hinzugeben, wenn dadurch das Glück Eures Volkes gesichert wird. Regiert es nicht mit Macht, weil es Eure Untertanen sind, sondern regiert es mit Liebe, weil es Eure Kinder sind. Nur so werdet ihr wirklich König sein. Wenn ich nicht mehr bin, vergesst meine Worte nicht, o Brahmadatta!“ Dann schloss der Gesegnete seine Augen und starb. Der König und sein Volk betrauerten seinen Tod und bauten ihm einen reinen, weissen Tempel, so dass seine Worte nie vergessen würden.

Brahmadatta regierte sein Volk mit Liebe und alle lebten von nun an glücklich.

Was die Welt und die Menschheit gegenwärtig dringend benötigt, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sind Anführer und Vorbilder, die die Schulung und den Mut besitzen, Achtsam zu handeln, die den Mut besitzen ihre persönlichen schlimmsten Ängste anzunehmen und zu betrachten und diese nicht auf andere zu projizieren, die den Mut besitzen im Sinne eines nachhaltigen Gemeinwohls heilsame Handlungen zu setzen. Was die Welt braucht sind Anführer, die die Weisheit besitzen liebevolle Güte in ihrem Bereich zu leben und die den Mut und die Wissensklarheit haben diese trotz der gegenteiligen Meinung vieler anderer als Stärke wahr zu nehmen und zu leben. Dabei geht es nicht darum die Mächtigen zu entmachten oder den Reichen ihren Reichtum zu nehmen. All das ist nicht mehr als Öl in die Flammen des Leidens zu gießen und unterstützt nur das System von Gewalt, Angst und Kampf. Vielmehr geht es darum, ihnen zu ermöglichen ihren Geist und ihre Herzen zu schulen. Es bedarf nicht eines Umsturzes. Es bedarf nicht mehr als der Veränderung oberster Werte. Größte Gewinnmaximierung und Autorität mittels Gewalt, in welcher Form auch immer, sind antiquierte Werte, die aus einer Zeit stammen, als die Welt noch völlig anders aussah als heute. Es lebten viel weniger Menschen auf der Erde, die Ressourcen Natur und Wachstum hatten noch viel Raum. Die gegenwärtige Welt sieht anders aus und daher sind diese Werte nicht mehr adäquat. Oberste Werte, die es der Menschheit langfristig möglich machen menschenwürdig zu überleben und zu leben sind Werte wie Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. Daher ist es die Pflicht der richtungsweisenden Gruppen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sich in Achtsamkeit, Wissensklarheit und liebender Güte zu schulen und diese Werte im bestehenden System zu entfalten. Vielleicht müssten sie dann auch weniger Angst davor haben ihren Reichtum und ihre Macht zu verlieren. Es wäre jedenfalls ein Zeichen wahrer Stärke.

Mögen alle Wesen frei und glücklich sein.

2 Antworten auf „Achtsame Führung .01 Die Affenbrücke

  1. Sollte so sein, aber momentan, wo Politik mehr mit einer Raubtierfütterung gemein hat als mit einem verständnisvollem Gespräch, werden sich achtsame Persönlichkeiten nicht lange im politischen Umfeld halten.
    MfG toe

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Toe, da hast du recht. Ich bin jedoch auch der Ansicht, dass aus Perspektive der normativen Ethik höchste Leitziele zu setzen sind um dadurch möglicherweise das Notwendigste zu erreichen. Oder wie die Römer zu sagen pflegten: „Wer auf der Erde gerade Furchen ziehen möchte muss seinen Pflug an den Sternen befestigen.“
      GlG, Oliver

      Gefällt 1 Person

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