Karma und das plastische Gehirn

Von Karma gibt es verschiedene Konzepte und Ideen. Karma wird von den einen als als Konto der guten und schlechten Taten im Leben, das im nächsten Leben abgearbeitet werden muss vorgestellt, von anderen wiederum wird Karma als Energie, die durch die Handlungen im Leben in eine gewisse Richtung weist und andere Handlungen dieser Energie anzieht, oder als Tendenz eher in diese Richtung zu handeln, verstanden. Was Karma letztlich ist, kann niemend wirklich sagen, denn wie alle Konzepte muss auch dieses letztlich als Illusion verworfen werden. Dabei geht es nicht darum keine Konzepte, Ideen und Vorstellungen zu haben, sondern darum, diesen nicht anzuhaften. Gleichermaßen wie den Gefühlen und Emotionen, die in Achtsamkeit betrachtet werden ohne von ihnen abhängig zu sein und sein Handeln rein auf der Gefühlsebene leiten zu lassen. Gefühle und Emotionen werden aber auch nicht zugunsten eines radikalen Rationalismus verdrängt, sondern Gefühl und Intellekt werden hier vereint und inkorporiert.

Für Buddha Shakyamuni waren alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen Illusion. Gleiches gilt auch für die buddhistische Lehre, die Buddha Shakyamuni nicht ausnimmt und darin liegt das revolutionäre und poetische Moment der buddhistischen Philosophie, welches in abgewandelter Form auch noch bei Ludwig Witttgenstein zu finden ist. Selbst das Konzept der Leerheit (Nichts) bezeichnete Buddha als metaphysische Illusion. Daher ist es auch nicht möglich darüber, was nach dem Tode sei, wahres Wissen im Sinne empirischer Erfahrung zu haben. Dies sage ich mit allem Respect vor den verschiedenen kulturellen Vorstellungen dessen, was nach dem Tode ist. Durch die metaphysische Verneinung richtet sich der Blick ganz auf das hier und jetzt, auf den gegenwärtigen Augenblick, der der einzige ist den es gibt. Die Zukunft hat noch nicht begonnen, die Vergangenheit ist bereits vorbei. Alleine die Achtsamkeit in der Gegenwart ist alles was bleibt. Alles andere ist Vorstellung, Illusion, sind Ideen und Konzepte. Auch wenn wir aus diesem Erfahrungsschatz schöpfen und künftiges planen gilt es, den Erfahrungen, Vorstellungen, Konzepten und Erwartungen nicht anzuhaften, sich daran zu binden, sondern sie frei und kreativ als Möglichkeiten nutzen zu können.

Wenn es aber nur das hier und jetzt gibt, welchen Sinn macht es dann sich über seine Handlungen ausßerhalb des gegenwärtigen Bezugrahmens Gedanken zu machen? Nun, Handlungen haben Ursachen und Wirkungen, eine Auseinandersetzung damit fällt u.a. in den ethischen Breich. Dabei treten zunächst folgende Fragen auf: Aufgrund welcher Ursachen handle ich? Sind meine Handlungen frei entschieden, oder bin ich kognitiv oder emotional in meinen Wünschen oder in meinem Weltkonzept gebunden, hafte ich an, und sind mein Handeln dadurch unfrei? Welche Folgen hat mein Handeln? Produziere ich mit meinem Handeln heilsame oder unheilsame Folgen? Unter welchen Voraussetzungne könnte/würde ich anders handeln? Denn letztlich hat jeder Mensch die alleinige Eigenverantwortung für die heilsamen und unheilsamen Folgen seines Handelns, selbst wenn dies enoch nicht absehbar sind.

Eine mögliche Brücke zwischen buddhistischer Psychologie und westlicher Naturwissenschaft, die gegenwärtig fachwissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt, ist die postulierte Neuroplastizität des menschlichen Gehirns. Der Terminus ‘Neuroplastizität des Gehirns’ bezeichnet die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich aufgrund von Emotionen, Vorstellungen, Gedanken und Handlungen permanent zu verändern. Das von der Geburt bis zum Tod. Früher dachte man, das menschliche Gehirn sei bei der Geburt determiniert und würde sich nach einem bestimmten Kindesalter, wenn es seine Reife erlangt hat, nicht mehr verändern. Das war ein Irrglaube der westlichen Wissenschaft, der mitlerweile widerlegt ist. Unsere Handlungen, Gedanken, Eindrücke und Erfahrungen hinterlassen Spuren auf neuronaler Ebene im unserem Gehirn. Möglicherweise auch auf energetischer, morphogenetischer und kollektiver Ebene, aber das sind andere Themenbereiche, die hier und jetzt nicht behandelt werden. Die sogenannten Bahnungen im Gehirn, die sich in der Verstärkung der Myelinisierung, einem Anwachsen oder einer Verringerung der Neuronenzahl und der Synapsen manifestieren, bewirken, dass künftiges Verhalten in diese Richtung prädispositioniert ist, also eher in die bereits erprobte und eingeübte Richtung geht. Der Mensch ist also ein Gewohnheitstier. Diese Sichtweise ist erstens insofern interessant, da der Mensch dadurch selbstbestimmt handlungsfähig ist, denn man hat die Möglichkeit auf die Formung seines Gehirns aktiv Einfluss zu nehmen. Zweitens veranschaulicht dieses Bild die Vorstellung von Karma, als prädispositionelles Potential, in westlich-naturwissenschaftlicher Sprache. Dam mag man nun entgegenhalten, dass Karma doch ein spirituelles Konzept sei, dass dieses nicht in den westlich-naturwissenschaftlichen Rahmen passt, nicht so drastisch reduziert werden kann. Beachtet man jedoch, dass Buddha die Beantwortung metaphysischer Fragen ablehnte und nimmt seine diesbezüglichen Standpunkt ernst, muss man die Karmafrage aber eben genau auf diesen westlich-naturwissenschaftlichen Standpunkt reduzieren, da Fragen des Zusammenhangs von Karma und künftige Leben letztlich, bei allem Respekt vor den bestehenden diesbezüglichen Lehren und Meinungen, Spekulationen sind. In diesem Beitrag geht es nicht darum diese Fragen, Lehren und Meinungen zu verwerfen, sondern einerseits darum mit aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass jeder einzelne Mensch selbst und im hier und jetzt für sein Handeln und die inneren wie äußeren heilsamen und unheilsamen Folgen seines Handelns verantwortlich ist und andererseits, im Sinne eines interkulturellen Dialogs, die logische Verbindung in dem behandelten Thema zu erörtern und somit eine für Menschen mit westlich-empirischen Denkmustern einen möglichen rationalen Zugang zum Verständnis des Themas Karma zu zeigen.

Mögen alle Wesen frei und glücklich sein.

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