Achtsamkeit und Gewaltfreie Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist eine von vielen Methoden achtsam mit sich selbst und seinen Mitmenschen umzugehen. In den 1980er Jahren von Marshall B. Rosenberg entwickelt, ist die GFK ein Kind des konstruktivistischen Paradigmas, welches postuliert, dass jeder Mensch seine ihm persönlich eigene Wahrnehmung und Interpretation der Welt aufgrund seiner physischen und psychischen Voraussetzungen, seiner Erfahrungen und den daraus entstehenden Einstellungen, Bedürfnissen und Weltsichten, Verhaltensmuster, Ängste, Hoffnungen, Glaubenssätzen, etc. entwickelt. Kurz gesagt ist die GFK eine Methode der verbindenden Kommunikation und steht im Gegensatz zur ‚Gewalt’ anwendenden Kommunikation. Falsch verstanden ranken sich aber auch einige Mythen um die GFK, so z.B. dass man in der GFK sich alles sagen und vorschreiben lässt, dass es nur darum gehe, dem Anderen nachzugeben, weich zu kommunizieren, etc. Das ist mitnichten so, denn auch in der GFK geht es darum seinen Platz zu ‚verteidigen’ und sich ‚durchzusetzen’. Jedoch nicht mit Gewalt und gegen den Willen des oder der im jeweiligen Kommunikationsprozess beteiligten sondern mit Mut zur Transparenz, zur Selbstoffenbarung, zur Verletzlichkeit und zu konsensualen Entscheidungen sowie nicht-konsensualen Entscheidungen und deren Konsequenzen. Es geht in der GFK auch nicht, wie oft fälschlich angenommen, um einen starren Kommunikationsablauf, der protokollartig abgehandelt werden muss, sondern darum den eigenen Selbstwert, ohne dies auf Kosten des Gegenübers zu tun, hoch zu halten und den Selbstwert des Gegenübers nicht anzugreifen sondern zu respektieren. Das verbindet Rosenberg auch mit Virginia Satir, die in ihrem Modell ebenso einen Fokus auf den Selbstwert der im jeweiligen Kommunikationsprozess Beteiligten legt. Einen hohen Selbstwert zu haben ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen und es gibt verschiedene Wege und Methoden den Selbstwert hoch zu halten. Heilsame und nicht heilsame. Im Folgenden wird die Möglichkeit, die Achtsamkeit, in diesem Fall die nach innen und die nach außen gerichtete Achtsamkeit, im Zusammenhang mit dem Selbstwert bietet, ein wenig erörtert.

Nach innen und nach außen gerichtete Achtsamkeit wird in der buddhistischen Psychologie in verschiedenen buddhistischen Schulen (Traditionen) leicht variiert, hat im Großen und Ganzen aber einen gemeinsamen Nenner. Dieser besteht darin, dass nach innen gerichtete Achtsamkeit die fünf Daseinsgruppen, also die Existenzebenen (Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geist, Bewusstsein) nach innen betrachtet. Meint z.B.: was macht ein Phänomen, z.B. ein Blick oder ein Wort eines anderen Menschen mit mir. Was macht mein Körper dabei? Wie also reagiert mein Körper auf der ersten Daseinsgruppe? Werden die Muskel locker, oder habe ich ein angenehmes Gefühl dabei? Dies ist ein Indiz dafür, dass mich die Kommunikation entspannt, mein Parasympathikus (Ruhenerv) aktiviert ist und die Kommunikation für mich stimmig ist. Oder verspannt sich meine Schultermuskulatur, bekomme ich ein flaues Gefühl in der Bauchgegend? Da ist ein Indiz dafür, dass mich die Kommunikation Stresst und mein Sympathikus (Stressnerv) aktiviert wird. Erkenne ich die Reaktion meines Körpers kann ich das so annehmen und, wenn nötig, sanft und selbstbestimmt ergründen und ev. daran arbeiten mit ihnen umzugehen oder sie bewusst zu verändern. Die Reaktionen sind, mit etwas Übung, zunächst getrennt von einander, später zeitgleich, in allen Daseinsgruppen beobachtbar. (vgl. Die Betrachtung der Gefühle) Dazu ist es aber wichtig sich selbst zu erforschen, offen dafür zu sein, wie man tickt und funktioniert, was die Chance bietet nicht adäquate und eigentlich hinderliche oder viel Energie raubende Verhaltensweisen, Einstellungen etc. wahrzunehmen und entweder als Warnsignale einzusetzen und/oder in Ressourcen und förderliche Verhaltensweisen etc. zu verändern, was ein langer und anstrengender Weg sein kann, der verschiedener erlernbarer Techniken bedarf und der konsequent gegangen werden muss, dafür aber meist reich belohnt wird. Mit wachsender Selbstkompetenz, Selbstbestimmtheit und einem gesunden und echten Selbstwert. Deshalb schreibt Jon Kabat-Zinn auch, dass Meditation nichts für Feiglinge ist, sondern Mut braucht 😉 Aber zurück zum eigentlichen Thema, zur GFK.

Verbindende Kommunikation beginnt immer bei mir selbst. Stimmt ‚mein’ gesunder und unabhängiger Selbstwert, bin ich achtsam in mir verankert, mit mir verbunden, und nicht ein Blatt im Wind ‚meiner’ Gefühle, Emotionen, Gedanken, Konzepte und der Abhängigkeit von meinen Mitmenschen, kann ich meinem Gegenüber mit Stärke, Güte und Wohlwollen gegenübertreten und ihn oder sie dazu einladen auf Augenhöhe mit mir in Kontakt zu treten und zu kommunizieren. Ich kenne ‚meine’ Verhaltensweisen, Trigger, Ressourcen und Grenzen und weiß was ich bereit bin zu geben und nicht zu geben und kann das klar und sachlich kommunizieren. Angesehen davon kann das auch meinen Gesprächspartner entspannen, was gelungene Kommunikation grundsätzlich erleichtert. In der GFK sieht das so aus, dass im Prozess zuerst dem Gesprächspartner reflektiert wird, wie man das, was er/sie gesagt hat auch verstanden hat und welches Bedürfnis man dahinter sieht. Dies dient einerseits zum Abgleich, ob das was gesagt wird auch richtig verstanden wird, ev. kann korrigiert werden, und stärkt das Gefühl, dass man ehrliches Interesse aneinander hat. Um dies umzusetzen ist die geschulten Achtsamkeit nach außen hilfreich. Ein weiterer Teil der GFK ist die Selbstoffenbarung. Was sind meine Motive, meine Ängste, Wünsche, Erwartungen, Bedürfnisse? Selbstoffenbarung erfordert zwei Dinge. Erstens die Fähigkeit sich selbst zu kennen und die Winkelzüge des eigenen Selbst zu durchschauen und zweitens den Mut sich offen preis zu geben und verletzlich zu sein. Vielleicht denkt jetzt der eine oder die andere: „Aber ich bin doch nicht blöd, dass ich mich jedem Menschen, vor allem die, die was von mir wollen, was ich nicht zu geben bereit bin, offen präsentiere um dann verletzt oder manipuliert zu werden“. Das verlangt auch niemand und jeder entscheidet für sich selbst wie weit er/sie sich, mit den jeweiligen Konsequenzen, offenbart und seine Schutzmechanismen herunterfährt oder diese aufrechterhält und, sind wir uns ehrlich, bewusst ins offene Messer zu rennen zeugt eher von großer Dummheit… oder von großer Weisheit. Aber vielleicht kann man sich zumindest hie und da einen Schritt weit aus dem Fenster lehnen, sich aus der gemütlich eingerichteten Komfortzone hinausbewegen und so seine Persönlichkeit weiterentwickeln. Es gibt eine sehr schöne Geschichte Buddha Shakyamunis und seiner Begegnung mit einem seiner später liebsten Mönche, Ahimsaka. Dieser war vor der Begegnung mit Buddha ein gar fürchterlicher Bösewicht und Terrorist, der jeden, der ihm in die Quere kam den Garaus machte. Alle Menschen hatten panische Angst davor auch nur daran zu denken in seine Nähe zu kommen. Als Buddha davon erfuhr hatte er gerade nichts Besseres zu tun als diesem  Mörder einen Besuch abzustatten und dessen Leben grundlegend zu verändern. Nachzulesen ist die Geschichte u.a. hier http://kommundsieh.de/Angulima.html. Neben vielen Metaphern, die diese Geschichte in sich birgt, ist eine Bedeutung die, dass man immer stehen bleiben kann, sich also aus dem Betrieb des Alltags herausnimmt, sich Zeit nimmt sich mit Achtsamkeit zu erforschen und seine auftauchenden Ängste mutig annimmt, betrachtet und transformiert, so wie Buddha Ahimsaka angenommen und dieser sich verändert hat.

Mögen alle Wesen frei, glücklich und zufrieden sein.

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