Von der Motivation Achtsamkeit zu üben oder: Das Geschenk des Lebens

Jon Kabat-Zinn ist einer der bekanntesten Vertreter und Befürworter von Achtsamkeit im Westen. Die ausführlichen Erläuterungen seiner Gedanken und Ansichten lese ich immer wieder gerne, es bereitet mir Freude. Manche seiner Gedanken und Ansichten bestätigen die ‚meinen’, manche erweitern ‚meine’ und einige neue Aspekte, Perspektiven und Vertiefungen, und das ist für mich sehr bereichernd, sind auch immer wieder dabei. Seine Worte ermuntern mich immer wieder mich weiter zu erforschen, aktiv zu praktizieren und dabei in die Tiefe zu gehen und neue Aspekte zu erkunden. Sein Blickwinkel ist der eines aufgeklärten Westlers, der sich intensiv mit der buddhistischen Philosophie und Psychologie auseinander gesetzt hat und in beiden Systemen profunde Kenntnisse hat. Sehr angenehm empfinde ich seine Grundeinstellung, dass jeder Mensch in Selbstverantwortung für sich selbst herausfinden sollte ob, wie und wann er Achtsamkeit für sich nutzt oder lebt und, dass er (Jon Kabat-Zinn) vor allem keine religiösen Tendenzen aufdrängt oder missionarisch wirkt. Deshalb möchte ich heute gerne ein paar Zeilen von ihm mit euch teilen. Den Text findest du in seinem Buch ‚Zur Besinnung kommen – Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt’, erschienen im Arbor Verlag.

Jedes mal wenn wir in der Lage sind, ein Begehren als ein Begehren zu erkennen, Zorn als Zorn, eine Gewohnheit als Gewohnheit, eine Meinung als Meinung, einen Gedanken als Gedanken, eine Torheit als Torheit oder eine intensive körperliche Empfindung als intensive körperliche Empfindung, sind wir dementsprechend befreit. Nichts anderes muss geschehen. Wir müssen nicht einmal das Begehren oder was es sonst sein mag aufgeben. Die Sache zu sehen und sie als Begehren oder was auch immer sie sein mag zu erkennen, reicht aus. In jedem einzelnen Moment praktizieren wir entweder Achtsamkeit, oder wir praktizieren de facto Achtlosigkeit. Wenn wir auf diese Weise sehen, entsteht vielleicht der Wunsch, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir der Welt innerlich und äußerlich in jedem gegebenen Moment begegnen, vor allem, wenn wir uns klarmachen, dass es in unserem Leben keine „Übergangsmomente“ gibt.

Meditation ist also sowohl überhaupt nichts – da wir nirgendwohin gehen und nichts tun müssen – als auch die schwerste Arbeit der Welt, da unsere Gewohnheit der Achtlosigkeit so stark ausgeprägt und so resistent dagegen ist, von unserem Gewahrsein durchschaut und abgebaut zu werden. Und wir brauchen Methoden, Techniken und Bemühungen, m unser Vermögen des Gewahrseins zu entwickeln und zu verfeinern, damit es die widerspenstigen Eigenschaften des Geistes, die ihn zeitweilig so trübe und unsensibel machen, zähmen kann.

Diese Charakteristika der Meditation, dass sie nämlich sowohl überhaupt nichts als auch die schwerste Arbeit der Welt ist, bedingen, dass ein hohes Maß an Motivation notwendig ist, damit wir üben können, ohne jedes Anhaften und ohne jede Identifikation vollkommen präsent zu sein. Doch wer möchte schon die schwerste Arbeit der Welt leisten, wenn wie sowieso schon mehr Dinge zu erledigen haben, als wir jemals erledigen können – wichtige Dinge, notwendige Dinge, Dinge, in deren Ausführung wir vielleicht sehr hängen, weil sie uns erlauben, das aufzubauen, was wir aufzubauen versuchen, oder dorthin zu gelangen, wohin wir zu gelangen versuchen, oder Dinge, die wir einfach nur hinter uns bringen wollen, damit wir sie auf unserer Aufgabenliste endlich abhaken können. Und wozu sollen wir meditieren, wenn das sowieso nicht bedeutet, irgend etwas zu tun, und wenn das Resultat all dieses Nichtstuns ist, dass wir niemals irgendwohin gelangen außer dorthin, wo wir bereits sind? Was hätte ich schließlich nach all meinen Nicht-Bemühungen, die doch so viel Zeit und Energie und Aufwendung verlangen, vorzuweisen?

Alles, was ich darauf antworten kann, ist folgendes: Jeder Mensch, den ich getroffen habe, der sich jemals auf die Übung von Achtsamkeit eingelassen hat und einen Weg gefunden hat, sie in seinem Leben für einen gewissen Zeitraum aufrechtzuerhalten, hat mir gegenüber irgendwann einmal – gewöhnlich dann, wenn er an einem absoluten Tiefpunkt war – das Gefühl zum Ausdruck gebracht, dass er sich nicht vorstellen könne, was er wohl ohne diese Praxis getan hätte. So einfach ist die Sache – und so tiefgreifend. Wer einmal Achtsamkeit praktiziert hat, der weiß, was das heißen soll. Wer sie nie praktiziert hat, der kann es auch nicht wissen.

Und natürlich fühlen sich die meisten Menschen anfangs deshalb zur Übung von Achtsamkeit hingezogen, weil sie unter Streß oder unter irgendwelchen Schmerzen leiden oder sie mit Aspekten ihres Lebens unzufrieden sind und das Gefühl haben, die Sache ließe sich vielleicht durch die sanfte Anwendung von direkter Beobachtung, Selbsterforschung und Mitgefühl mit sich selbst in Ordnung bringen. Streß und Schmerz werden so potentiell wertvolle Pforten, zu motivierenden Faktoren, durch die wir in die Praxis eintreten.

Und noch etwas: Wenn ich sage, Meditation sei die schwerste Arbeit der Welt, dann ist das nicht ganz richtig, wenn Sie nicht verstehen, daß ich damit nicht nur ‚Arbeit’ im üblichen Sinne meine, sondern ebenfalls Spiel. Meditation hat auch etwas Spielerisches, allein schon deshalb, weil es urkomisch ist, die Winkelzüge unseres Geistes zu beobachten. Er nimmt sich viel zu ernst, als daß wir ihn ernst nehmen könnten. Humor und eine spielerische Einstellung, die jeden Anflug von Schein-Heiligkeit unterminieren, sind ganz wesentliche Elemente der rechten Achtsamkeit. Außerdem: Vielleicht ist ja auch Elternsein die schwerste Arbeit der Welt. Aber wenn sie Mutter oder Vater sind – sind das dann zwei verschiedene Dinge?

[…]

Über die Allgegenwärtigkeit von Streß und Schmerzen in meinem eigenen Leben hinaus ist meine Motivation für das Üben von Achtsamkeit ganz einfach: Jeder verlorene Augenblick ist ein nicht gelebter Augenblick. Und jeder verlorene Augenblick macht es noch wahrscheinlicher, daß ich auch den nächsten Augenblick verliere und ihn versunken in achtlose Gewohnheiten automatischen Denkens, Fühlens und Handelns durchleben werde, statt in Gewahrsein, aus Gewahrsein heraus und durch Gewahrsein zu leben. Ich sehe, wie das immer und immer wieder passiert. Denken im Dienste von Gewahrsein ist der Himmel. Denken in Abwesenheit von Gewahrsein kann die Hölle sein. Denn Unachtsamkeit ist nicht bloß naiv oder unsensibel, unbeholfen du ahnungslos. Die meiste Zeit ist sie, bewußt oder unbewußt, ausgesprochen schädlich für uns selbst und für andere, denen wir begegnen oder mit denen wir unser Leben teilen. Außerdem ist das Leben zutiefst interessant, aufschlussreich und staunenswert, wenn wir uns dem Gewahrsein aus ganzem Herzen stellen und auf die Einzelheiten achten.

Wenn wir all sie verlorenen Momente zusammenrechnen, kann sich zeigen, daß Unaufmerksamkeit praktisch unser gesamtes Leben verschlingt und auf alles färbt, was wir tun, auf jede Wahl, die wir treffen oder dir zu treffen wir versäumen. Ist es das, wofür wir leben – unser Leben zu versäumen und damit zu vergeuden? Ich ziehe es vor, mich jeden Tag mit offenen Augen auf ein neues Abenteuer einzulassen, indem ich dem Aufmerksamkeit schenke, was das Wichtigste ist, selbst wenn ich mich dabei manchmal mit der Schwächlichkeit meiner Bemühungen (wenn ich sie für „meine“ halte) und der Zähigkeit meiner tiefwurzelnden und robotergleichen Gewohnheiten (wenn ich sie für „meine“ halte) konfrontiert sehe. Ich finde es nützlich, jedem Augenblick frisch zu begegnen, ihn als Neuanfang zu betrachten und immer wieder zum Gewahrsein des Jetzt zurückzukehren. Dabei hält mich eine sanfte, aber feste Ausdauer, die sich aus der Disziplin entwickelt, wenigstens einigermaßen offen zu sein für das, was auftaucht, so daß ich es anschauen, wahrnehmen und in die Tiefe gehend untersuchen kann, damit ich lernen kann, was immer aus der Situation zu lernen ist, indem ihre Natur offenbar wird.

Wenn wir der Sache einmal auf den Grund gehen: Was gibt es denn sonst zu tun? Wenn wir nicht in unserem Sein verwurzelt sind, wenn wir nicht in Wachheit verwurzelt sind, vergeuden wir dann nicht das Geschenk unseres Lebens und die Chance, von wirklichem Nutzen für andere zu sein? Es ist hilfreich, wenn ich mein Herz von Zeit zu Zeit frage, was genau jetzt, in diesem Augenblick, das Allerwichtigste ist, und dann sehr genau auf die Antwort höre. Wie Thoreau am Ende von Walden sagt: „Nur der Tag bricht an, für den wir auch wach sind.“

Mögen alle Wesen frei, glücklich und zufrieden sein.

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