Die Betrachtung der Gefühle

Wenn ich einatme weiß ich: ‚Ich empfinde ein Gefühl der Freude.’ Wenn ich ausatme weiß ich: ‚ Ich empfinde ein Gefühl der Freude.’ 
Wenn ich einatme weiß ich: ‚Ich empfinde ein Gefühl des Glücks.’ Wenn ich ausatme weiß ich: ‚Ich empfinde ein Gefühl des Glücks.’
Einatmend bin ich mir der geistigen Formationen bewusst. Ausatmend bin ich mir der geistigen Formationen bewusst.
Einatmend lasse ich meine geistigen Formationen ruhig und friedvoll werden. Ausatmend lasse ich meine geistigen Formationen ruhig und friedvoll werden.

 

Die Gefühle von Freude und Glück sind ganz natürliche Folgen der meditativen Achtsamkeit die wir uns schenken. Die Achtsamkeit auf die Gefühle ist die zweite Stufe der Achtsamkeit und folgt auf die Achtsamkeit auf den Körper. Hier werden wir uns bewusst, wann wir Freude empfinden, ohne sogleich von dieser Freude davongerissen zu werden. Buddha Shakyamuni lehrt auch, dass Freude allein nicht genügt. Ihm zufolge ist es notwendig, über die Freude hinauszugehen und Glück zu verwirklichen. Glück kann in diesem Kontext auch als Leichtigkeit oder Zufriedenheit verstanden werden, d.h. wir empfinden zwar weiter Freude wie ein übererregtes, ausgelassenes Kind, aber Glück ist, laut Buddha, die Ruhe des Zufriedenseins und der Erfülltheit. Dazu gibt es von Buddha Shakyamuni folgende Metapher:

Ein Mann ist seit längerem in der Wüste unterwegs und knapp vor dem Verdursten. Plötzlich sieht er mitten unter Bäumen eine Oase mit einem Teich. Er empfindet Freude und Aufregung, läuft auf das Wasser zu, wirft sich am Ufer des Teiches nieder und schöpft sich das kühle, erfrischende Wasser in den Mund. Bis zu dem Moment, in dem er tatsächlich trinkt, empfindet er nichts als Freude. Doch sobald er getrunken und seinen Durst gestillt hat, fühlt er sich glücklich, und die stimulierende Aufregung der Freude ist verflogen.

Für uns Menschen im westlichen Kulturkreis sind die Begriffe ‚Gefühle’ und ‚Emotionen’ oft gleichbedeutend und austauschbar. Im Verständnis der buddhistischen Philosophie und Psychologie werden diese beiden Phänomene differenziert, die Gefühle und Empfindungen gehen den Emotionen voraus.

In unserem Alltag jedoch sind Gefühle, Empfindungen und Emotionen nicht so klar voneinander getrennt. Sie fließen ineinander, die Grenzen sind verschwommen, und unsere Wahrnehmung ist oft nicht achtsam genug um die Übergänge und Verschneidungen wahrzunehmen. In der meditativ-achtsamen Betrachtung der Gefühle entwickeln und schulen wir die Fähigkeit diese mehr und mehr voneinander unterscheiden zu können.

Im einleitenden Zitat gibt uns Buddha Shakyamuni einen Hinweis darauf, wovon er sprach als er uns nahe legte, unsere Gefühle zu betrachten.

Jedes mal, wenn der Praktizierende ein angenehmes Gefühl verspürt, ist er sich bewusst: ‚Ich verspüre ein angenehmes Gefühl.’ Jedes mal, wenn er ein unangenehmes Gefühl verspürt, ist er sich bewusst: ‚Ich verspüre ein unangenehmes Gefühl.’ Jedes mal, wenn er ein neutrales Gefühl verspürt, ist er sich bewusst: ‚Ich verspüre ein neutrales Gefühl.’

Es gibt drei Gruppen von Gefühlen oder Empfindungen. Sie können angenehm, unangenehm oder neutral sein. Gefühle und Empfindungen entstehen durch den Kontakt unserer Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Mund, Haut, und in der buddhistischen Philosophie und Psychologie auch unseren Geist) mit der Welt. Es ist ganz wichtig, dass wir uns ihrer bewusst sind, denn sie legen fest, wie wir handeln, wie wir unsere Welterfahrung wahrnehmen und wie wir unsere subjektive Welt konstruieren. Normalerweise sind wir uns unserer Gefühle oder Empfindungen nicht bewusst, da sie sehr schnell auftauchen und vergehen. Da sie uns Großteils entgehen kann sich daraus ein großes Drama an Emotionen, Handlungen und Reaktionen entwickeln, das auf einer einzigen, ursprünglichen Empfindung beruht. Eine westlich-naturwissenschaftliche Grundlage dafür liefert die Tatsache, dass für einen von oder zu einem Sinnesorgan gehenden Nervenfaser, relativ betrachtet, ca. fünf Millionen intrakortikale Verbindungen existieren. Ein Impuls eines Sinnesorgans löst eine ganze Kaskade von Empfindungen, Gedanken und Interpretationen aus, die rein auf unseren persönlichen, vergangenen, Erfahrung und unserem Weltbild beruhen, wodurch eine größere oder kleinere Unschärfe zur äußeren Realität entsteht. Das geschieht im zeitlichen Rahmen von Millisekunden.

Dazu haben wir die Tendenz sehr viel Energie darauf zu verwenden, in unserem Denken und Handeln, unangenehme Gefühle zu unterdrücken und angenehme Gefühle zu wecken und aufrecht zu erhalten. Wir zerstören und distanzieren uns von unangenehmen Gefühlen, und wir verbarrikadieren uns hinter neutralen Gefühlen oder sind uns ihrer nicht bewusst. Festhalten, Abneigung und Unwissenheit sind die drei Wurzeln des Leidens, die unsere Erfahrung des Lebens einfärben. Deshalb werden sie auch die drei Gifte genannt. Es ist sehr wichtig, dass wir uns in Achtsamkeit gegenüber unseren Gefühlen üben, da wir sonst zu Sklaven oder Automaten werden. Gefühle lassen Stimmungen, Emotionen, Wahrnehmungen, Ideen oder Abhängigkeiten entstehen, die uns zu ungeschickten Handlungen und dadurch zu Leiden führen können.

Die Begierde bestimmte Gefühle entstehen zu lassen oder diese zu verlängern und die Ablehnung unangenehmer Gefühle beruht auf unseren Erfahrungen die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben und unserem darauf beruhenden individuellen Stresserleben und unseren Stressreaktionen. Zusätzlich richten erlernte Glaubenssätze und Motive unsere Wahrnehmung und unser Handeln in eine bestimmte für uns funktionierende Weise aus, sodass wir die auf uns einströmenden Stressoren mit den individuell erlernten Reaktionen bewältigen können. Die Fähigkeit Stress zu bewältigen ist eine überlebensnotwendige Grundkompetenz des menschlichen Wesens. Gelingt die Bewältigung von Stress als Anpassungsleistung an die Umwelt nicht mehr, wendet der Organismus mehr physische und psychische Ressourcen auf um den Stress zu bewältigen und gerät in eine negative Stressspirale. In dieser Phase gehen wir vermehrt über unsere persönlichen Grenzen, ohne einen entsprechenden Ausgleich zu schaffen, distanzieren wir uns noch weiter von unseren vermehrt auftretenden negativ erfahrenen Gefühlen wie z.B. der Vorstellung nicht genug Leistung erbringen zu können, dem Geforderten nicht zu entsprechen, es nicht zu schaffen, und es können Existenz- und Versagensängste entstehen deren Verdrängung, zur Aufrechterhaltung unseres inneren Gleichgewichts, noch mehr Ressourcen verbraucht.

Ein entsprechendes Stressmanagement, regelmäßiges Entspannungstraining und unsere Achtsamkeit auf die Gefühle unterstützen uns, so wie die Achtsamkeit auf den Körper auch, in Alltag und Beruf ein ausgeglichenes Leben zu gestalten. Wir erfahren uns als Wesen im lebendigen Wechsel von Anspannung und Entspannung, als Wesen mit Fähigkeiten und Möglichkeiten aber auch mit begrenzten Ressourcen und lernen unsere persönlichen Grenzen und Gefühlsreaktionen kennen. So verfeinern wir das wunderbare Werkzeug der Gefühle, das die menschliche Evolution im Laufe der Jahrmillionen in uns entwickelt hat.

Der Schritt unsere Achtsamkeit zusätzlich nach außen zu richten, auf unsere Eltern, Kinder, Familie, Freunde, Kollegen, Mitmenschen und die Mitwelt in der wir leben und diese in ihrer Kraft und Verletzlichkeit wahrzunehmen ist von da aus nicht mehr all zu groß.

Mögen alle Wesen frei, glücklich und zufrieden leben.

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