Atemachtsamkeit – das alles verbindende Band.

Schon Buddha Shakyamuni erkannte vor ca. 2.500 Jahren die zentrale Stellung der Atmung für den Menschen. Er gab umfassende Unterweisungen zur Entwicklung von Atmung und Atemachtsamkeit. Seiner Aussage zufolge ist in der Meditation kein anderes Element notwendig um den Weg zur Erleuchtung zu gehen wobei er aber hervorhob, dass jeder Mensch seinen eigene Weg und die für ihn passende Methode hat. Auch im Yoga, Qi Gong, Lu Jong, etc. ist der Atem ein grundlegendes Element aller Übungen.

Heute finden wir die Schulung der Atmung, neben dem spirituellen Bereich, im gesundheitspräventiven Bereich (Atemschule, Entspannungstraining, Achtsamkeitstraining) und im medizinischen und psychotherapeutischen Bereich (MBSR, MBCT, Embodiment, als Therapiebaustein bei Angst- und Panikstörungen). Auch bei den täglichen Momenten der Entschleunigung ist der bewusst eingesetzte Atem ein sehr guter Freund.

Die Grundlage der Wirkung der Atmung ist die Zusammengehörigkeit von Körper und Psyche beim Menschen. Leider haben sich viele Menschen im Westen in den letzten Jahrhunderten vom Irrglauben René Descartes (dessen Leistungen auf anderen Ebenen dadurch nicht geschmälert werden soll) und seiner Anhänger verführen lassen. Heute nähern wir uns langsam wieder dem aristotelischen Paradigma der Ganzheitlichkeit, was durch die Integration verschiedenste Konzepte in die westliche Medizin und Psychologie (z.B. TCM, Homöopathie, MBSR, etc.) zum Ausdruck kommt.

 

Wo ist die Atemachtsamkeit verortet?

Grundlegend werden vier Arten von Achtsamkeit unterschieden. Diese sind:

  • Achtsamkeit auf den Körper
  • Achtsamkeit auf die Emotionen und Gefühle
  • Achtsamkeit auf den Geist
  • Achtsamkeit auf die Dharmas (die Bausteine der Realität, Phänomene)

Atemachtsamkeit ist die sich durch alle Achtsamkeitsbereiche ziehende Grundlage, das Band das alles verbindet.

 

Wie wirkt Atemachtsamkeit auf Körper und Geist?

Im menschlichen Körper findet sich die Verbindung zwischen Körper und Psyche in verschiedenen Bereichen, so im Nervensystem, im Meridiansystem, in den Chakren, etc. Das menschliche Nervensystem wir in das Zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS) gegliedert. Das PNS wird in das somatische und das vegetative Nervensystem unterteilt, das vegetative Nervensystem in die beiden antagonistisch (gegenteilig) wirkenden Systeme des Sympathikus und des Parasympathikus.

Der Sympathikus sorgt bei Aktivierung für eine Leistungssteigerung und wird u.a. durch Stress- und Notfallsituationen aktiviert. Symptome seiner Aktivierung sind eine Beschleunigung von Herzschlag und Atmung, eine Erhöhung von Blutdruck und Durchblutung sowie der Spannung der Skelettmuskulatur, erhöhte Vigilanz, Tunnelblick, erhöhte Hautleitfähigkeit. Für die sofortige Aktivität und Leistungsbereitschaft nicht unbedingt notwendige Vorgänge werden unter seinem Einfluss gehemmt, so z.B. die Verdauung, die Funktion der inneren Drüsen und die Wahrnehmung subtiler emotionaler Reize.

Der Parasympathikus wird auch als der ‚Ruhenerv’ bezeichnet. Überwiegt sein Einfluss, stehen die Zeichen im Körper verstärkt auf Entspannung, Regeneration und den Aufbau körperlicher Reserven. Am Herzen bewirkt der Parasympathikus eine Senkung der Schlagfrequenz und der Pumpkraft, unter seinem Einfluss verlangsamt sich auch die Atemfrequenz. Er verstärkt die Magen-Darm-Tätigkeit und regt die Freisetzung von Verdauungsenzymen in den Darm an. Der Stirnlappen des Gehirns wird bei parasympathischer Aktivierung besser durchblutet.

Das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus ermöglicht es dem Körper feine Nuancen der Regulierung vorzunehmen.

Atemachtsamkeit nutzt den im Körper vorhandenen natürlichen Rückkoppelungsmechanismus der Atmung mit dem vegetativen Nervensystem. In Stressreaktionen steigt die Atemfrequenz, in Ruhephasen sinkt sie. Durch ruhige und tiefe Bauchatmung kann der Körper darin unterstützt werden, den Parasympathikus zu aktivieren. Je öfter und besser dieser Mechanismus geübt wird, umso leichter fällt es dem Körpergedächtnis die entsprechenden Reaktionen zu aktivieren. Herzfrequenz und Blutdruck sinken, die exekutiven Gehirnfunktionen und die Spiegelneuronen können besser arbeiten, die Wahrnehmung der Gesamtsituation weitet sich, die emotionale Lage wird heller und stabiler, weniger Stresshormone gelangen in den Blutkreislauf.

Langfristige Folgen des regelmäßigen Übens von Atemachtsamkeit können eine stabilere und ruhigere emotionale Lage, eine optimistischere Stimmung und bessere soziale Beziehungen, eine klarere Sicht der aktuellen Situation, ein stärkeres Immunsystem, ein weicherer Grundtonus der Muskulatur, u.a. positive gesundheitliche Folgen sein.

Atemachtsamkeit kann gelernt und jederzeit und überall, frei von religiösen oder ethischen Hintergründen, praktiziert und geübt werden.

Wer schließlich über der Vorstellung, dass die Atome und Moleküle der Luft, die er/sie einatmet und wieder ausatmet aus den Blättern der Bäume heraus entstanden ist und schon in den Lungen und Körpern unzähliger anderer Wesen des Planeten Erde war, meditiert, kann ev. auch das Bewusstsein erlangen, dass die trennenden Grenzen zwischen ihm/ihr und der umgebenden Mitwelt viel dünner und durchlässiger sind als er/sie es sich bis dahin vorstellt hat.

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